Archiv des Autors: Stephanie Schaefers

Unsere nächste Veranstaltung: Laura Freudenthaler

Laura-Freudenthaler_porträtWorkshop mit Laura Freudenthaler, der Förderpreisträgerin des Bremer Literaturpreises 2018

Freitag, 26. Januar 2018, 10.00 – 13.00 Uhr: Workshop für einen Oberstufenkurs in der Zentral Bibliothek, Am Wall 201, im Wall-Saal – jetzt anmelden!

Dienstag, 30. Januar 2018, 11.00 Uhr: exklusive Lesung der Förderpreisträgerin für geladene Oberstufenschüler in der ÖVB – Öffentliche Versicherung Bremen, Martinistraße 30

Foto/Copyright: Marianne Andrea Borowiec

Die Teilnahme für beide Veranstaltungen ist kostenlos – Anmeldung unter: redaktion@workshop-literatur.de

Den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis 2018 erhält Laura Freudenthaler für ihren im Literaturverlag Droschl erschienenen Debüt-Roman „Die Königin schweigt“. Der Förderpreis wird seit 2005 von der ÖVB – Öffentliche Versicherung Bremen finanziert.

Die Jury begründet die Vergabe:

„Mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises wird Laura Freudenthaler für „Die Königin schweigt“ ausgezeichnet. Ein stiller, konzentrierter Roman, der eine alte Frau, die sich gegen das Erinnern und das Erzählen sperrt, auf ihr von Verlusten bestimmtes Leben zurückblicken lässt. Freudenthaler zeichnet das eindringliche Porträt einer Generation, die ein scheinbar unspektakuläres Dasein führte, in dem sich aber tatsächlich die große Geschichte verbirgt.“

Der Bremer Literaturpreis, der 2018 an Thomas Lehr vergeben wird, sowie der Förderpreis werden am 29. Januar 2018 um 12 Uhr im Bremer Rathaus verliehen. Am Vorabend der Preisverleihung findet eine moderierte Lesung der beiden Preisträger in der Glocke statt.

Weitere Informationen unter: www.ras-stiftung.de

Laura Freudenthaler – Porträt

Laura Freudenthaler, geboren 1984 in Salzburg, studierte Germanistik, Philosophie und Gender Studies. Die Studien schloss sie 2008 bzw. 2017 an der Universität Wien ab. Sie lebt nach einem Aufenthalt in Frankreich in Wien, arbeitet seit mehreren Jahren in der Austria Presse Agentur (APA) und übersetzt aus dem Französischen ins Deutsche. 2014 veröffentlichte sie mit „Der Schädel von Madeleine“ ihren ersten Erzählband. Ihr Debütroman „Die Königin schweigt“ schaffte es im September und Oktober 2017 auf der ORF-Bestenliste unter die besten zehn. Weitere Arbeiten wurden unter anderem in den Literaturzeitschriften manuskripte, Lichtungen, SALZ, schreibkraft und kolik veröffentlicht.

Publikationen (Auswahl):

  • 2014: Der Schädel von Madeleine: Paargeschichten, Müry Salzmann, Salzburg/Wien/Berlin 2014, ISBN 978-3-99014-091-8
  • 2017: Die Königin schweigt, Roman, Droschl-Verlag, Graz 2017, ISBN 978-3-99059-001-0

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Workshopergebnisse aus dem Workshop mit Ulrike Almut Sandig am 09.07.2017

Aufgabe: Versetze Dich in das Jahr 2117 und schreibe einen Text darüber. Wenn Du den Text vorträgst, dauert der Vortrag ungefähr zwei Minuten.

Endlich! Ich hatte es geschafft. Ich spürte das Adrenalin durch meine Adern fließen. Mein Atem ging schwer, als ich aus dem rauchenden Apparat stieg, der mich hergebracht hatte. Als ich mich langsam umschaute, konnte ich mir das Lächeln nicht länger verkneifen. Nach all der Zeit, habe ich endlich die Stimmen verstummen lassen, die mir sagten, es sei unmöglich, ich würde es nie schaffen. Natürlich war mein Labor verschwunden. Wo die Computer standen, waren nun Wandschränke und Kommoden. Ein riesiges Bett füllte den restlichen Raum. Zum Glück war niemand im Haus. Mein Erscheinen hätte einiges an Aufsehen erregt. Nun konnte ich in Ruhe den Weg in die Außenwelt finden. Auf den Straßen drängten sich die Menschen. Doch von Autos und Bussen war nichts zu sehen. Das heißt, bis ich einen Blick nach oben riskierte. Die Autos schwebten mühelos über meinem Kopf und ich spürte die summende Energie überall in der Luft. Ein Schatten fiel auf die Stelle an der ich stand. Ein Zug fuhr, oder besser flog, über mich hinweg und versperrte den Blick auf die Sonne.

Als ich mich weiter umschaute lief mir ein Schauer über den Rücken. Ich hatte gehofft, die Menschheit hätte sich nicht verändert in all der Zeit. Sie alle liefen mit steifen Bewegungen an mir vorbei. Keiner sah mich an, die Fremde in ihrer Mitte. Ihr Blick war kalt und glanzlos. Ihre Mienen glichen einer der anderen. Ein Mann stieß mich an. Unsere Schultern prallten aneinander. Ich taumelte zurück und sah ihm hinterher. Meine Hand berührte die Stelle, an der wir zusammengestoßen waren. Obwohl ich an einem heißen Julitag angekommen war, ging von dem Mann keine Wärme aus. Unter seinem Anzug befand sich nichts als harte Kälte.

Erst jetzt hörte ich auch das leise metallene Quietschen, das jeden Schritt der neuen Menschen begleitete.

(Lucie)

Ulrike Almut Sandig: Workshop

Sandig_1Workshop mit Ulrike Almut Sandig im Wall-Saal der Zentralbibliothek am 09.06.2017

“Was, wenn ‘love’ nicht die ‘answer’ auf alles ist?”, fragt Ulrike Almut Sandig sich selbst und die Schülerinnen und Schüler des Deutsch-Leistungskurses der Oberschule am Leibnizplatz im Jahrgang Q1, indem sie aus ihrem neuen Buch „ich bin ein Feld voller Raps und verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“ zitiert.

Sandig_2„Ulrike oder Almut, aber nicht beides gleichzeitig, bitte!“, stellt sich Ulrike Almut Sandig vor und schließt die allgemeine Vorstellungsrunde ab. Sie bittet die Workshopteilnehmer zuvor, sich kurz mit Namen, Alter und der individuellen Lieblings-Textsorte vorzustellen, um einen Einblick zu bekommen. Ein bunter Mix kommt dann am Ende zusammen: Von Satire, Slam-Poetry, Song- und Raptexten, über Fantasy, Science-Fiction, Mangas, Romantik und Dramen, bis hin zu Kurzgeschichten, politischen Texten, Kommentaren und Essays. Die Autorin ist begeistert über die Vielfalt, die die Schülerinnen und Schüler hervorbringen. Sie selbst schreibe, wenn sie denn schreibt, meistens Gedichte oder Erzählungen der Gegenwart. Ihre Beschäftigung mit der Literatur sei ihr nicht von Geburt an in die Wiege gelegt worden, sondern sei erst später gekommen. Nachdem sie als Jugendliche ihre literarische Ader an Dingen wie Tagebuch oder Schülerzeitung ausgelebt habe, habe sie viel an Open Mic’s teilgenommen. Auch ihre Literaturprojekte „augenpost“ und „ohrenpost“ hätten sie damals näher an die Literatur herangeführt. Weiterlesen

Ulrike Almut Sandig – Porträt

sandig_ulrike_porträtUlrike Almut Sandig, geboren am 15. Mai 1979 in Großenhain, gehört zu den interessantesten Stimmen der deutschsprachigen zeitgenössischen Lyrik. Sie wuchs in einem Pfarrhaushalt in Nauwalde (Sachsen) auf und lebt seit 2011 mit ihrer Familie in Berlin. 2005 schloss sie ein Magisterstudium in Religionswissenschaft und moderner Indologie ab. Von 2007 bis 2009 gab sie gemeinsam mit Jan Kuhlbrodt die Literaturzeitschrift EDIT heraus, 2010 schloss sie ihr Diplomstudium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig ab. Sie ist Mitherausgeberin des Jahrbuchs der Lyrik 2017.

2011 gründete Sandig mit der Songwriterin Marlen Pelny die Literaturprojekte „augenpost“ und „ohrenpost“, für die sie Gedichte an Bauzäune klebte, auf Flyern und Gratispostkarten verbreitete und erste Lesekonzerte gab. Ihre ersten beiden Gedichtbände erschienen in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung Peter Hinke in Leipzig, mit Marlen Pelny veröffentlichte sie dort auch ihr erstes Album vertonter Gedichte. Im Frankfurter Verlag Schöffling & Co. folgten die vielgelobten Erzählbände „Flamingos“ und „Buch gegen das Verschwinden“, der Gedichtband „Dickicht“ sowie das zweite gemeinsame Album mit Marlen Pelny „Märzwald“. Ihr jüngster Gedichtband „ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“ wird von einem Minialbum begleitet, das exklusiv über die Autorin bestellt werden kann.

Auszeichnungen (eine Auswahl):

  • 2007: Stadtschreiberin von Sydney
  • 2008: Stipendium im Künstlerhaus Edenkoben
  • 2009: Leonce-und-Lena-Preis
  • 2010: Silberschweinpreis der Lit.Cologne
  • 2010: Hotlist – Buchpreis der unabhängigen Verlage für „Flamingos“
  • 2012: Märkisches Stipendium für Literatur (Prosa)
  • 2014: Arbeitsstipendium für Schriftstellerinnen der Kulturverwaltung des Berliner Senats

Quellen:

http://ulrike-almut-sandig.de/

http://www.poetenladen.de/ulrike-sandig-person.html

(Eva Bargmann)

Ulrike Almut Sandig: ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt

Almut Sandig Cover„kein schöner Deut in meinem Schland zu finden“

In ihrem Gedichtzyklus „ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“ durchschreitet Ulrike Almut Sandig „unendliche Weiten“ (83) unserer (deutschen) Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ausgehend von ganz existentiellen und zeitlosen Fragen nach dem eigenen Ich, der Identität, Fremd- und Eigenwahrnehmung, zoomt die Autorin immer stärker in eine konkrete Aktualität hinein. Was sich lieber wie eine „Zukunft der Märchen“ (83) lesen würde, enttarnt sich immer stärker als unsere alltägliche Realität. Dies verdeutlicht Sandig vielfach auf sprachlicher Ebene. Wie schnell kann aus einem „vollkommen wolkenlosen Himmel“ ein „verkommen wolkenloser Himmel“ (19) werden? Die menschliche Kälte, die oft ganz unschuldig wirkt, reflektiert die Lyrikerin im Motiv ‚Schnee‘, das sie wiederkehrend, in unterschiedlichen Spielarten aufnimmt, sei es als Schneeball, Schneemann, Schneekugel, Eisblume oder in der Farbe ‚weiß‘. Sandig erzählt poetisch von diesen kalten Zeiten, in denen „wir warten auf gute Nachricht“ (20), doch der anhaltende Nachrichtenstrom fließt stets weiter, ohne positive Nachrichten zu überbringen. Was ist überhaupt noch echt in unserer Welt, die von „Datensätze[n] der Nachrichtensatelliten“ (34) gemacht ist und in denen Drohnen unseren Orbit durchkreuzen? Über diesem Orbit schwebt auch die ganz elementare Frage: Wie werden wir wieder sein? Wie kann man sich in der heutigen Zeit als Mensch fühlen, sich selbst nicht und möglichst auch die anderen Menschen nicht aus den Augen verlieren? Sandig konsterniert, dass wir uns bereits „an die Leere in unseren Körpern gewöhnt“ (53) haben. „sind wir, du und ich auch, nicht länger schon abhandengekommen“ (57)?

Eine Antwort gelingt vielleicht durch einen Rückgriff auf Vergangenes und eine Zuhilfenahme der alten deutschen Sprach- und Geschichtenmeister: Die Gebrüder Grimm. Durch das Zitieren ihrer Märchenfiguren und -titel schreibt Sandig eine Jahrhunderte alte orale Tradition fort. Denn „das vollkommene Gedicht wird nur gesungen und gesprochen“ (49). Zugleich erweitert die Lyrikerin auch deren Sprachdimension. Wie viele Grimm´sche Redewendungen sind in unsere alltägliche Sprache eingegangen, wie schnell lassen sie sich aber in beunruhigende Sprachbilder verwandeln? Der heutige mediale Informationsfluss verschiebt so manchen Inhalt. Somit ist der Appell „lass dich nicht täuschen! mir ist nicht zu trauen“ (14) auch wörtlich zu nehmen. Wir müssen bei der Sprache beginnen! Direkt im ersten Gedicht „Anfangslied“ heißt es „ich bin ganz aus Sprache gemacht ich bin ein irrer Anfangsvokal“ (9). Somit präsentiert uns die Autorin auf den folgenden Seiten ihre Textlandschaft, ein „Feld voller Raps: ich bin die Landschaft … ich bin ein Text“ (13).

„hören Sie bitte haarscharf vorbei“ (48) heißt es in „das elektronische Gedicht“. Nein, lesen Sie ganz genau –  denn der Gedichtband bietet auch einige Überraschungen Visueller Poesie. Doch noch besser: sehen und hören Sie ganz genau zu: Der Autorin bei Ihren Leseperformances….

(Stephanie Schaefers)

Einen Vorgeschmack kann man hier erhalten: https://www.schoeffling.de/buecher/ulrike-almut-sandig/ich-bin-ein-feld-voller-raps-verstecke-die-rehe-und-leuchte-wie-dreizehn-%C3%96lgem%C3%A4l

(zitiert nach: Sandig, Ulrike Almut: ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt. Neue Gedichte. Frankfurt a. M. Schöffling & Co. 2016.)

Senthuran Varatharajah – Workshop

varatharajah_2„Wie gehe ich damit um, was ich bin?“

„Ich habe mit 26 Jahren meinen ersten Roman gelesen“, bekennt Senthuran Varatharajah den Schülerinnen und Schülern der Oberschule Findorff, die sich zum heutigen Workshop in den Wall-Saal eingefunden haben. Erst später ergäben sich viele Mythen darüber, wie ein Autor schon in Kindertagen geschrieben oder vorgetragen habe. Ob diese immer der Wahrheit entsprächen, bezweifelt Varatharajah. Der Berliner Literat erzählt weiter, dass ihm die Bibel als wichtiges Buch in Erinnerung geblieben sei, da seine Kindheit in der oberfränkischen Provinz stark christlich geprägt war. Später sei zunehmend Interesse an philosophischen Texten entstanden. In seiner Kindheit habe ihn aber ebenso Fernsehen geprägt, aber auch, dass er Mitglied in einer Band gewesen sei. varatharajah_4„Das Songwriting war bestimmt eine Entwicklung zum Literarischen hin“, sagt Varatharajah. Er weist die Workshopteilnehmer daraufhin, dass das Buch zwar ein wichtiges Medium literarischer Bildung sei, aber nicht das einzige. Maßgebliche Quellen von Literatur könnten ganz unterschiedlich sein. „Wir leben in einer Zeit, in der die ganze Wirklichkeit umstrukturiert wird, Raum und Zeit werden durch neue Medien aufgehoben bzw. sind ganz nah“, so Varatharajah. „Ich kann mir bereits morgens im Bett grausige Videoaufzeichnungen von Bombenangriffen auf Aleppo anschauen.“ varatharajah_5Vermeintlich weit Entferntes gerate schnell in den eigenen Alltag, daher verlange die Verarbeitung dieser veränderten Zeit für den Autor auch einen anderen Umgang mit Sprache und Alltag. „Ich wollte die Sprache bewusst brechen, eine neue Form finden, um mich im Ton von lakonisch, oft ironischen Gegenwartstexten zu unterscheiden. Ich wählte daher die äußere Form, meinen Text innerhalb einer Facebook-Unterhaltung anzusiedeln“, erklärt Varatharajah über die Entstehung seines eigenen Debutwerks. „Dabei spielt Facebook als Label weniger eine Rolle, sondern mehr das Internet allgemein, das mir in meiner Jugend Trost und Intimität gespendet hat. Im Roman reproduziere ich diese Erinnerung.“ Varatharajah verdeutlicht den Schülern, dass zu Beginn des Schreibens immer die Frage stehe: Was hat mich geprägt? Wie gehe ich damit um, was ich bin? Wie mache ich diese Erkenntnisse zu Text?

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Workshopergebnisse aus dem Workshop mit Senthuran Varatharajah am 20.01.2017

Schreibaufgabe: Schreibe fünfzehn Sätze über die erste Erinnerung auf, die dich geprägt hat und die dir bis heute im Kopf geblieben ist.

Aufwachsen

In meiner Gegend als Kind aufzuwachsen ist nicht leicht.

Drogendealer hier, Schüsse fallen dort

Schneller als man sieht greift man zum Ot.

Man verspricht sich selber, später von hier weg zu sein.

Freunde, die kommen und gehen wie die Gezeiten

Hab schon viele gute Menschen an Drogen verloren.

Natürlich geschieht alles, was geht, im Verborgenen

Viele hatten eigentlich was in der Schule drauf.

Bei vielen hätte es gereicht, nur etwas mehr Support

Nur ein Freund von sieben, der es ins Abi geschafft hat

Einer von sieben, der aus sich was gemacht hat.

Rap war immer die Musik, die uns vereint hat.

Lyrik, die Sehnsucht, erweckt zur Heimat

Ab einem gewissen Punkt im Leben

trennt man sich,

um verschiedene Wege im Leben zu gehen.

Wenn man sich sieht, gibt man sich die Hand.

Redet über sich und die Zeiten, wie sie mal waren.

In meiner Gegend als Kind aufzuwachsen ist nicht leicht.

Trotzdem, du kannst was erreichen, wenn du dich zusammenreißt.

(Aykut Bicak

 a.k.a AMB)

 

Sie ist immer noch nicht da, was macht sie so lange?

Jetzt ist sie schon wieder weggegangen.

Ob die Tür offen ist?

Die warten doch bestimmt auch schon.

Ob ich …, ja ich gehe, ganz allein.

Ob sie sich fragt, wo ich bin?

Sie weiß ja, wo ich hinwollte.

Ob das so eine gute Idee war?

Sollte ich nicht doch wieder zurück?

Nein, jetzt bin ich bestimmt gleich da.

Jetzt noch um die Ecke, ja genau hier.

Ich klingelte an der Tür und sie öffnete sich, ich grinste.

(Bjarne Gerwin)

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Senthuran Varatharajah – Porträt

af_varatharajah_senthuran__150Senthuran Varatharajah, geboren 1984 in Sri Lanka, studierte Philosophie, Evangelische Theologie und Kulturwissenschaft in Marburg, Berlin und London. 2014 nahm er – ohne zuvor etwas veröffentlicht zu haben – an den 38. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil und erhielt den 3Sat-Preis. Senthuran Varatharajah lebt in Berlin und war auf seinem Weg zum Schriftsteller unter anderem Stipendiat der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen, erhielt das Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste und war Teilnehmer der Autorenwerkstatt Prosa 2014 des Literarischen Colloquiums Berlin.

Schon vor seinem Debütroman galt der Berliner Autor Senthuran Varatharajah als großes Talent. Nun hat er seinen ersten Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“ veröffentlicht. Darin setzt er großen Wert auf das Schreiben gegen rassistische Klischees und reflektiert von Flucht, Migration und vom Ankommen in Asylbewerberheimen am Rand der deutschen Gesellschaft. Varatharajah kann auch aus eigener Erfahrung sprechen: Bereits kurz nach seiner Geburt 1984 in Jaffna auf Sri Lanka floh seine Familie vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr war die Familie in Oberfranken in einem Asylbewerberheim untergebracht. Schon während seines Aufwachsens und Erwachsenwerdens begegnet Varatharajah laut eigener Aussage immer wieder offenem Rassismus und unterschwelligen Vorbehalten, wie er es auch in seinem Roman zum Thema macht. Die Gesellschaft müsse sich an die neuen Gegebenheiten anpassen und nicht von einem Menschen wie ihm, mit dunkler Hautfarbe, automatisch erwarten, dass er die deutsche Sprache nicht beherrsche, so Varatharajah in einem Interview mit Katja Weise von NDRKultur. Er habe die deutsche Sprache mit Hilfe der Bibel und des Fernsehens gelernt, später haben ihn die großen Philosophen fasziniert und weitergebracht. Weiterlesen