Laura Freudenthaler – Die Königin schweigt

Freudenthaler CoverDunkle Vergangenheitsfahrten

Einst hatte sich Fanny zum Faschingstag ein wunderschönes Königinnenkostüm nähen wollen, doch das Kleid war nicht rechtzeitig fertig geworden. Fanny hatte daher ein einfaches Dirndlkleid getragen, doch die Krone auf dem weißen Spitzenschleier hatte sie als Königin ausgewiesen. Fanny hatte ein prächtiges Faschingsfest ausgerichtet.

Diese und viele weitere Geschichten aus ihrer Vergangenheit erzählte Fanny als Großmutter einst ihrer Enkeltochter, die diese Dorfgeschichten liebte. Gemeinsam entwickelten sie aus der zurückliegenden Realität eine Märchenwelt.

Doch Jahrzehnte später ist die Protagonistin Fanny in Laura Freudenthalers Debütroman „Die Königin schweigt“, dem Titel entsprechend verstummt. An guten Tagen der Gegenwart fühlen sich die Erinnerungen, einzelne vergangene Momente aus Fannys Leben, wie früher an, die hinüberreichen ins Jetzt, weil sie viele Male erlebt worden sind. Wie organische Prozesse laufen die Erinnerungen in Fannys Innerem ab, fast eigenständig und ohne willentliche Steuerung, während ihr Körper äußerlich an Kraft und Kontrolle verliert.

Die erwachsene Enkeltochter möchte mit ihrer Großmutter über die vielen gewesenen Momente sprechen, möchte die „wirkliche Vergangenheit“ hören, die „Bilder der Vergangenheit“ erzählt bekommen, am liebsten über sie lesen, indem sie Fanny ein Tagebuch schenkt. Dieses bleibt jedoch bis zum Schluss von der Großmutter unberührt, während Fanny gedanklich längst rückblickend durch die Zeit treibt und zumindest für den Leser ihr Schweigen bricht.

In diesen Gedankenreisen geht es zurück in ein kleines Dorf und auf den Hof in der Senke der Eltern, auf dem Fanny eine karge Kindheit mit ihrem älteren Bruder Toni verbringt. Nur im letzten Winkel der Eckbank unter dem Küchentisch fühlt sich Fanny geborgen und geschützt, dort beobachtet das Mädchen genau die Geschehnisse und hört den Geschichten der erwachsenen Welt zu. Schon bald muss Toni in den Krieg und kehrt nicht zurück. Das Gefühl des Verlassenseins wird Fanny ihr Leben lang begleiten, vor dem Vater fühlt sie sich stets schwach. Auch der neue Mann an ihrer Seite, der junge Schulmeister gibt ihr nur kurze Zeit ein Gefühl des Entkommen-Könnens. Beim ersten Tanzen mit dem jungen Lehrer und auch bei der Hochzeit fühlt sich Fanny „als würde sie an diesem Tag zur Königin gekrönt“. Fanny zieht ins Schulhaus und bekocht fortan mittags die hungrigen Schulkinder. Sie wird die Schulmeisterin, die allen zuhört und sich um die Dorfbewohner sorgt. Bald bekommt sie ein eigenes kleines ‚Königskind‘, Toni, mit dem sie geradezu wortlos eng verbunden ist.

Es sind diese Vergangenheitsfahrten der alten Fanny, die oftmals anders verlaufen als die erzählten, märchenhaften Geschichten für die Enkelin. Hier geht es in unheimliche, schlaflose Nächte, zu einer alles verschlingenden Leere, zu vielen Leidensgeschichten und Schicksalsschlägen, die Fanny selbst oder ihren Weggefährten widerfahren sind. Fannys Drang, immer alles in Ordnung zu bringen, lässt sie ein ruheloses, aufopferndes Leben durchleben. Äußerlich königlich aufrecht und stolz, ist sie innerlich hilflos und einsam. Stets im Kampf gegen die trostlosen, unerbittlichen Lebensumstände, gegen das Unglück, das unentwegt hinter dem Zwetschgenbaum zu lauern scheint. Einzig ihr Königskind gibt ihr Halt und Kraft, aber auch dieses wird sie verlassen.

Laura Freudenthaler erzählt die Geschehnisse so reduziert und kühl wie man sich die Umwelt von Fanny vorzustellen hat. Dennoch erscheint der Stil der Autorin nicht emotionslos, sondern die Aussparung jeglicher Romantik, Nostalgie und Emotionen entspricht dem leisen und melancholischen Seinszustand der ‚kämpfenden‘ Königin. Im Leser werden umso mehr Gefühle freigesetzt, stets bleibt man in der Hoffnung, dass es sich nur um ein böses Märchen handeln möge, das noch gut enden könnte.

Doch die Erzählrealität sieht anders aus: So ist schließlich nur Fanny zurückgeblieben, ihre Toten sind in der Überzahl, in kurzen Momenten lebt etwas Vergangenes auf, das in Wirklichkeit längst verloren ist. Noch atmet die Königin schwach ….

(Stephanie Schaefers)